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FLÜCHTIGE SPUREN

 

Es ist jedes Jahr von Neuem erstaunlich, wie intensiv das Gelb der Löwenzahnblüten im ersten Frühlingsgrün leuchten. Ich muss schier gezwungenermaßen dieses Gelb sammeln und damit arbeiten. Später, wenn der ausgesäte Raps blüht und mit seinem Gelb versucht zu konkurieren, wird fast spürbar klar, welch beeindruckendes Gelb der Löwenzahn besitzt.

Spontan pflücke ich einige Hundert Blüten und trage sie zu einem Ort, an dem sie nicht vorhanden sind. Ich „pflanze“ sie zu einem Kreis in einen Weiher ein, dessen Oberfläche von Millionen Wasserlinsen bedeckt ist. Nein, nicht der zugegebenermaßen reizvolle Farbkontrast ist für mich ausschlaggebend, sondern der von mir vorgenommene Ortswechsel. Ich als Mensch greife in die Natur ein, setze flüchtige Spuren, verändere ungesetzmäßig. Ich ordne in geometrischen Figuren, die die Natur so nicht kennt.

 

Einige Tage später pflücke ich alle Blüten des Löwenzahns auf meiner Wiese hinter dem Haus – ich entraube ihr die Farbe Gelb – und stecke diese Blüten als Linie in meine eintönig grüne Ligusterhecke. Sie darf für kurze Zeit Farbe tragen. Die Länge der Linie ergibt sich aus der Anzahl der Blüten auf der Wiese.

 

Ein kalter, aber schöner Frühlingstag. In der Talsenke am kleinen Reichenbach entdecke ich zarte Blumenkissen in Gelb, nicht weit davon entfernt ein Blumenkissen mit weißen Blüten. Diese räumliche Trennung werde ich aufheben. Einige weiße Blüten pflücke ich und setze sie als Kreis in die Mitte des gelben Blumenkissens. Es ist ein fast nicht wahrnehmbarer Eingriff und wird auch sicher nicht bemerkt, lediglich ein weiterer menschlicher Eingriff in die große Gestaltung.

 

Ich habe ein bevorzugtes Waldstück, das mich seit Jahren immer wieder anzieht. Dort stehen Fichten sehr eng, sodass unter den Bäumen kein Gras wächst, sondern nur Moos. Umgeben ist diese Fichtenschonung von vielen Birken, die bis zu einem kleinen Sumpfgelände reichen. Es ist „unaufgeräumt“, abgestorbene Bäume und Äste, wuchernde Sumpfgräser, junge Austriebe. Hier möchte ich diese unordentliche Naturvielfalt aufräumen, nur in einem geometrisch genau ausgemessenem Stück.

Hier werde ich im Wald einen Parkettboden verlegen. Eine Schneise von 100 m Länge und 2m Breite, kerzengerade durch den Wald. Lediglich die Bäume, ob jung oder alt werden aus dem Parkettstreifen herauswachsen. Das Material Holz – Das Material der Bäume – bringe ich zurück in den Wald, aber geordnet, exakt gerade und sauber aufgeräumt. Im Juli wird damit begonnen.

 

Meine nähere Umgebung ist landschaftlich geprägt von unzähligen Fischweihern. Viele werden wirtschaftlich nicht mehr genutzt und renaturieren. Ich liebe diese Wasseroberflächen. Einer dieser Weiher ist komplett zugewachsen mit dem flutenden Hahnenfuß. Seine Blüten sind weiß. Wenn man sich dem Weiher nähert, so meint man, man gehe auf eine große, schneebedeckte Fläche zu. Dieser Platz ist ein unbeschreibliches Naturerlebnis. Hunderte Frösche quaken, Libellen umtanzen die Blüten und unzählige kleine Fische springen unaufhörlich nach der Jagd nach Insekten. Dort habe ich Kornblumenblüten als Quadrat in die weißen Blüten gelegt. Mit einer ca. 4 m langen Weiderute , die Spitze als Gabel gestaltet, habe ich vom Ufer aus Blüte für Blüte ins Wasser plaziert. Ich wollte unter keinen Umständen die Wasseroberfläche mit den Hahnenfußblüten zerstören. Jede Kornblume musste ich vorne in die Gabelung der Weidenrute einsetzen, dann mit ruhiger Hand diese einzelne Blüte 4 m entfernt vom Ufer zwischen die Hahnenfußblüten einsetzen. Diese stundenlange Feinarbeit erforderte viel Geduld. Dabei hatte ich mehrmals mit Fröschen zu tun, die auf meine zu gestaltende Fläche zuschwammen und sie zu zerstören drohten. Dadurch war ich zum größeren Teil der Zeit damit beschäftigt, die neugierigen Frösche mit meiner Weidenrute zu vertreiben. Sie zeigten schon eine enorme Hartnäckigkeit. Zusätzlich geriet ich noch in Zeitdruck durch ein aufziehendes Gewitter. Der Rücken schmerzte. Das Quadrat wurde fertig und fotografiert. Mit zufriedener Gelassenheit habe ich dann am Ufer sitzend die dicken Regentropfen beobachtet, wie sie meine blaue Kornblumenfläche unter die Austriebe des Hahnenfußes drückten.  Ziemlich durchnässt und frierend nach Hause gegangen.

 

Die Plätze meiner Arbeiten entdecke ich immer zufällig. In jeder neuen Natursituation suche ich eine Möglichkeit der Gestaltung. Viele Plätze öffnen sich erst bei mehrmaligem Besuch. Es gibt Lieblingsplätze, in denen ich oft verweile. Nie entferne ich mich weit von meinem Wohnhaus. Ich möchte meine Umgebung, in der ich lebe auskunden – und entdecke dabei immer wieder phantastische Naturplätze. Ich habe gelernt die Natur als Schauspiel zu erleben mit allen Sinnen, um immer wieder festzustellen, wie wichtig es wäre, sich ihr unterzuord-nen, ihre innewohnende Kraft auszunutzen, ohne sie beherrschen zu wollen. Die Gesetze, die da regeln, sind weit über unserer Vorstellungskraft. Der Mensch kann höchstenfalls lernen und kopieren, er muss aber endlich verstehen, die da innewohnenden Gesetze unantastbar zu lassen.

 

Da sind dann noch meine Himmelsbilder. Seit einigen Jahren fotografiere ich den Himmel und dessen momentane Wolkenbilder. Bevorzugt dokumentiere ich menschliche Spuren am Himmel. Dies sind von Flugzeugen hinterlassene Kondensstreifen, klare, geometrische Linien im Vergleich zu den weichen, chaotisch geformten Wolken. Und ein wenig Himmel bringe ich auf Erden, ein Spiel mit der Täuschung.

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