12 SPUREN DER NATUR

Spuren der Natur - Erinnerungen an die Einheit der Natur durch Kunst“ ist als Wanderausstellung konzipiert. Die zwölf Plätze füllenden Installationen sollen in zwölf großen Städten zu sehen sein. 

 

Die Zahl Zwölf – die zwölf Monate eines Jahres, in welchen die Natur sich immer einen neuen Ausdruck gibt -  wurde vom Künstler sehr bewußt gewählt, weniger um eine religiöse Anspielung zu bemühen als damit den Kreislauf und die Vielfalt der Natur zu betonen. Die Stadt als naturferner Kontext für Installationen, durch die Natur sinnfällig wird, ist nicht zufällig. Denn wo gerät die Natur mehr in Vergessenheit als in einer Betonwüste, und wo könnte die Freilegung verschütteter Natureindrücke nachhaltiger wirken als im Zentrum einer Stadt? 

 

Die zwölf Objekte stimulieren die sinnliche Wahrnehmung, erinnern an früher gemachte Erfahrungen und lösen damit einen Erinnerungsprozess aus. Der Betrachter wird durch Hirthammers Kunst aufgefordert, selbst aktiv zu werden, selbst an seiner Wiedererinnerung zu arbeiten.

Der Kunstbetrachter lernt durch alle Sinne: durch das Hören von Natur-geräuschen, durch das Ertasten der Oberflächen von Naturgegenständen, durch das Fühlen von Gras, wenn er mit nackten Füßen darüber läuft, oder durch das bloße Sehen der Farbenvielfalt der Natur. Die zwölf Objekte bilden ein Ensemble für ein Fest der Sinne. Kunst wird dabei zur Instanz der Vermittlung zwischen disparaten Eindrücken, die durch eine die Sinne affizierende Kulisse hervorgerufen werden.

 

Prof. Dr. Helmut Bachmaier (Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz)

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BUNTKUBEN

Blüten sind nicht unseretwegen so schön bunt... sie werben mit einem weiten Spektrum von Farben um
die Aufmerksamkeit und Gunst der Insekten. Und es ist die Gunst im wahrsten Sinne des Wortes gemeint,
denn es geht um Bestäubung und damit Fortpflanzung. Dies erklärt, warum windbestäubte Pflanzen in
der Regel unauffällige Blüten haben und insektenbestäubte so schöne!
Da Insekten aber ein anderes (verschobenes) Farbspektrum wahrnehmen als wir Menschen (sie sehen
kurzwelliges Licht, das wir nicht wahrnehmen können und sehen dafür kein langwelliges Licht, das wir
wiederum wahrnehmen) sehen Blüten eigentlich ganz anders aus, als wir sie sehen... aber was macht’s
- Blüten sind sehr häufig einfach wunderschön; wen interessiert, dass wir einen Teil der Farbigkeit gar nicht wahrnehmen können...

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GRASHARFE

Können Sie noch auf einem Grashalm Töne erzeugen?
Nichts einfacher als das!


Sie legen die Hände flach aufeinander - die Finger ausgestreckt, die Finger der linken Hand liegen auf denen der rechten Hand. Auch die Daumen liegen aufeinander. Zwischen Daumenkuppe und Ballen legen Sie einen Grashalm. Führen Sie die Hände vor den Mund und blasen Sie in die Spalte zwischen den Daumen. Durch die Luft, die den Grashalm - der zwischen Ihren Daumen gespannt ist - umfließt, wird ein Ton erzeugt. Mit etwas Übung erzeugen Sie verschiedene Töne...


Jedenfalls hat das in der Kindheit so funktioniert. Das ist das Prinzip, nach dem verschiedene Blasinstrumente (z.B. Klarinette und Saxophon Oboe, Fagott oder Schalmei) funktionieren. Aber wir wollen nicht mit den Wohlklängen der genannten Instrumente konkurrieren; uns reicht es, wenn wir überhaupt einen Ton erzeugen.

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BLÜTENKRANZ

Welches kleine Mädchen hat nicht früher (!!!) manchmal einen Kranz aus Gänseblümchen geflochten, um ihn dann als Armschmuck (das ging schneller, das waren die „faulen“) oder als Kopf- und Haarschmuck zu tragen... Romantik pur - aber schön!
Welcher Mann denkt da nicht an die erste Freundin in der dritten Klasse und welche Frau denkt da nicht an den ersten Freund in derselben Klasse.
Das Gänseblümchen (wie unromantisch ist da im Vergleich der lateinische Name der Botaniker: Bellis perennis) ist wohl eine der ganz wenigen Pflanzen, die jeder kennt..., allerdings unter verschiedenen Namen, wie Tausendschön, Massliebchen, Maiblume, Mairöserl, Gänseliesl, Mutterblümchen, Regenblume, Osterblume oder Sonnentürchen. Sie wächst in Wiesen, bevorzugt in gepfleg- tem Rasen der Gärten oder an Wegrändern. Sie liebt lehmigen Boden, blüht bereits im Januar an geschützten Stellen und blüht dann fast das ganze Jahr über.
Das Gänseblümchen ist eine alte germanische Heilpflanze, die sowohl der Frühlingsgöttin Ostara als auch Freya geweiht war. Die mittelalterlichen Christen ließen die Blüte aus den Tränen Marias auf der Flucht aus Ägypten entspringen..
Ja, und dann ist da ja noch das Blumenorakel: Irgendeine Frage stellen –dann die Blütenblätter einzeln abzupfen und dazu abwechselnd ja/nein murmeln; die letzte Antwort ist „richtig“...

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GRILLENHÜGEL

Grillenmännchen zirpen, indem sie ihre Vorderflügel aneinander reiben. Dabei entsteht durch das Reiben der sog. Schrillleiste gegen die Schrillkante das typische Geräusch - eben das Zirpen. Der Biologe nennt das Stridulation.


Der Gesang der Grillen setzt sich aus mehreren Silben zusammen, aus denen Verse gebildet werden, die wiederum Strophen bilden. Die Männchen wollen damit Weibchen anlocken. Das Zirpen der Grillen ist im Verhältnis zur geringen Körpergröße geradezu unverschämt laut. Um andere Männchen zu vertreiben,
werden besonders laute Gesänge erzeugt. Um Weibchen wird - was die Laut- stärke angeht - sehr viel moderater geworben.


Grillen hören übrigens mit den Beinen - das „du sitzt wohl auf deinen Ohren“ hätte bei Ihnen also eine besondere Bedeutung. ...


Grillen ernähren sich von Gras (Feldgrille, 20 mm), Aas (Hausgrille oder Heimchen, 15 mm) oder von Blattläusen und Kleininsekten (Weinhähnchen oder Blütengrille, 9-15 mm). Die Feldgrille bautunterirdische Gänge, die bis zu 30 cm tief in den Boden reichen!

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TASTBÄUME

Eine Eiche ist Symbol für Stärke und Unbeugsamkeit. Deutsche und Franzosen betrachten die Eiche als „Ihren“ Baum... (es gibt übrigens mehr und größere Eichen in Frankreich!)
Bei den Germanen waren die Eichen dem Donnergott Thor geweiht. Vielleicht, weil die Eiche relativ häufig von Blitzschlägen getroffen wird – Sie wissen doch: „...vor Eichen sollst Du weichen...“


Die Borke eines Baumes ist tot. Da sie tot ist, kann sie dem Dickenwachstum des Stammes nicht folgen und platzt zumindest bei unseren Eichen auf. Trotzdem ist sie sehr wichtig für den Baum. Sie schützt den lebenden Teil des Baumes vor Wasserverdunstung und dem Eindringen von Schmarotzern und vor dem Verbiß durch Rotwild. Der Baum lebt eigentlich nur in einem relativ dünnen Bereich zwischen der äußeren Borke und dem toten aber unglaublichen starken Halt gebenden Holz, dem sog. Kambium. Hier werden während der Vegetationspe- riode Wasser und gelöste Nährstoffe in die Krone (und damit zu den ebenfalls lebenden Blättern) und im Herbst, bevor die Blätter gefallen sind, wertvolle Stoffe aus den Blättern in die Wurzeln geleitet. Aber auf der toten Borke ist Platz für ein ganzes Universum... Unter Ihren Händen spüren Sie einen Lebensraum für Bakterien, Pilze, Insekten, Spinnen und sonst noch was.

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KLANGWAND

Die Lautstärke moderner Geräusche
· Straßenverkehr
· PC-Drucker
· Fluggzeug
wird in Dezibel gemessen.
Was sind da schon natürliche Geräusche, die um den Faktor Hundert oder Tausend leiser sind.
· Nachtigallen- und Lerchengesang
· Froschquaken
· Heuschreckengezirpe
· Blätterrauschen
· Gewitterdonner
· Spatzengezeter
· Wasserplätschern
· Tropfendes Wasser
· Hummelgebrumm
· Kuckucksruf
· Spechtklopfen
Lernen Sie leise Natur - Geräusche wahrnehmen und unterscheiden. Oder geht es Ihnen wie Romeo und Julia, die auch Nachtigall- und Lerchenge- sang nicht recht unterscheiden (wollen...)?

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WACHSBLUMEN

 

Was wir als Wiesen kennen, ist zumindest in unseren Breiten nur in seltenen Fällen (Hochgebirge)
natürlich entstanden, sondern ein Ergebnis Jahrhunderte langer bäuerlicher Kultivationstätigkeit. Wo
Wiesen umgepflügt werden oder „verbesserte Grasmischungen“ eingesät wurden, sind die schönen
Wiesenblumen verschwunden.


Wer kennt sie denn noch?
Die diversen Gräser . Löwenzahn · Klee · Löffelkraut · Hirtentäschel · Wiesenschaumkraut
Storchschnabel · Gänseblümchen · Sauerampfer · Rainkohl · Wiesenbocksbart · Huflattich
Gänsedistel · Huflattich · Kamille · Schafsgarbe · Spitzwegerich · Fettkraut · Königskerze
Taubnessel · Wiesenkerbel · Bibernelle · Pastinak....


Kräuter kommen für den Städter heute in aller Regel aus der Apotheke (die sie meist aus industriellem
Anbau bezieht...) und welche junge Mutter kennt denn heute noch die Wirkungen von Kräuterdampfbädern, denen ich mich als Junge noch regelmäßig bei jeder Erkältung auf Anweisung der Großmutter unterziehen musste - mit dem Kopf unterm Tuch über die dampfende Kräuterbrühe gebeugt... und es hat gewirkt!

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GLASKÄFER

 

Insgesamt sind ca. 350.000 Arten bekannt. Der Größte misst 15 cm in der Länge, die Kleinsten sind selbst mit einer Lupe kaum zu erkennen.


Käferarten


· Hirschkäfer · Maikäfer · Walker · Rotgelber Weichkäfer · Glühwürmchen · Immenkäfer
· Scharlachroter Feuerkäfer · Siebenpunkt-Marienkäfer · Großer Eichenbock · Alpenbock
· Widderkäfer · Kartoffelkäfer · Linierter Graufüßler · Ulmensplintkäfer und viele mehr....


Käfer verfügen über eine sehr interessante Biologie - viele machen vom Jugend- zum Erwachsenenstadium eine Metamorphose durch. Aus menschlicher Sicht werden sie in Nützlinge (meist räuberisch lebende Arten, die andere [schädliche] Insekten jagen) und Schädlinge eingeteilt.

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PUSTE BLUME

 

Wer (ob Kind oder Erwachsener) kann schon der Versuchung wiederstehen, eine reife Pusteblume
vorsichtig zu pflücken, um sie dann kräftig anzupusten und die kleinen „Fallschirme“ auf ihre meter- oder
kilometerlange Reise ins Ungewisse zu schicken.


Eine Löwenzahnblüte weist übrigens bis zu 500 dieser kleinen Luftschiffchen im Durchmesser von 2 bis
8 mm auf.


Pusteblume ist nur einer der mindestens 500 deutschen Bezeichnungen (u.a. Augenmilch, Augenwurz,
Bärenzahnkraut, Bettpisser, Butterblume, Eierkraut, Hundeblume, Kettenblume, Kuhblume, Kuhlattich,
Laternenblume, Lichtbloom, Märzblume, Maiblume, Marienzahn, Melkdistel, Milchdistel, Milchstöck,
Pfaffenplatte, Pusteblum, Röhrlkraut, Schweineblume, Saurüssel, Sonnenwurzel, Teufelsblume, wilde
Zichorie) für den Löwenzahn, die unter Botanikern Taraxacum officinale heißt. Der Löwenzahn wird als
Unkraut bezeichnet und ist doch eine unser schönsten heimischen Pflanzen – zumindest dann, wenn
er zwischen März und Juli mit seinen Blüten die Wiesen unser Kulturlandschaft intensiv gelb einfärbt.
Löwenzahn ist bei uns ein so typischer Kulturfolger, dass Archäologen den Nachweis von Löwenzahnpollen
als Nachweis für menschliche Siedlungen betrachten – auch wenn von den Siedlungen nichts mehr
nachzuweisen ist.


Dem Löwenzahn wurde von vielen Völkern (von Arabern über Europäer bis zu den Indianern) mystische
Kraft zugesprochen – heute wird der Löwenzahn v.a. als Salat verspeist; er schmeckt übrigens leicht bitter.

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IRRLICHTER

 

Glühwürmchen sind nachts aktiv und „knipsen“ ihr kaltes, chemisch erzeugtes Licht an, um gesehen
zu werden.


Es gibt über hundert verschiedene Arten von Glühwürmchen, die alle verschieden leuchten. Manche
blinken in einem bestimmten Rhythmus, andere leuchten gleichmäßig. Die verbreiteste Art bei uns ist
der Große Leuchtkäfer, der bis zu drei Stunden am Stück glühen kann.
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Warum leuchten diese Käfer? Ganz einfach - die Motivation ist hoch genug, das Risiko von Fressfeinden
gesehen (und vertilgt) zu werden, einzugehen: Wenn Glühwürmchen leuchten, dann senden sie
„dringende Liebesbotschaften“ durch die Nacht. Das tun allerdings nur die Weibchen. Und auch nur
dann, wenn sie sich paaren möchten. Der männliche Große Leuchtkäfer kann nicht glühen, im Gegensatz
zum Weibchen dafür aber fliegen. Bemerkt er die Leuchtsignale eines Weibchens, schwingt er sich
schnurstracks durch die Lüfte direkt zum paarungsbereiten Weibchen und dann geht’s zur Sache: Das
Liebesspiel der Glühwürmchen kann mehrere Stunden dauern.


In Städten sieht man sie so gut wie nie - die Straßenbeleuchtung ist einfach zu hell!
Und warum heißen die Leuchtkäfer im Volksmund „GlühWÜRMCHEN“, obwohl es keine Würmer, sondern
Käfer sind ? Nun, die flügellosen Weibchen sehen wie Würmer aus.

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LAUFWIESE

Was ist frischer als eine Wiese am Morgen?


Eine Wiese besteht – je nach Boden und Lage - aus den typischen Wiesengräser wie Glatthafer, Knäuelgras oder Lieschgras und verschiedenen Blumen wie z.B. Hahnenfuß, Wegerich, Margerite, Wiesensalbei, Klatschmohn, Löwenzahn, Glockenblume, Gänseblümchen, Lichtnelke, Mädesüß, Wiesenklee und
Kamille.

 

Die Wiese ist übrigens eine typische Kulturlandschaft; bevor unsere Vorfahren den Boden kultivierten, gab es das Ökosystem Wiese nicht!


Die Sonne ist gerade aufgegangen, die Vögel zwitschern - und sie sind (in Gedanken wieder) auf dem Weg in die Schule. Sie denken an die erste Freundin/ den ersten Freund, die erste Liebe...Lächelnd gehen Sie langsam durch das Grasbeet - eine Zeitmaschine! Und was spüren Sie: das Gras, die Feuchtigkeit, die
Kühle. Was sehen Sie ... Was hören Sie...


Zehn Meter später hat Sie die Gegenwart wieder eingeholt, aber Sie haben etwas gewonnen - eine unlöschbare Erinnerung.

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WASSERKLANG

Wasser ist ein ganz besonderes Medium... stammt doch das Leben aus dem Wasser. Aus dem Wasser der Ozeane, in dem es einst entstanden ist und dem Wasser in uns (wir bestehen zu mehr als 90% aus Wasser). Außerdem ist Wasser auch chemisch ein besonderer Stoff; ein Lösungsmittel, das für (fast) alle
Lebensvorgänge unersetzlich ist. Wo kein Wasser, kein Leben!


Wasser ist für uns auch wichtiger als Nahrung – wir können länger hungern als dursten... Wasser ist für uns also ein ganz besonderer Saft... kein Wunder, dass wir dem Klang des Wassers als Murmeln, Rauschen, Plätschern, Brodeln, Tropfen oder Wellenschlag stundenlang zuhören können.


Kein Wunder auch, dass sich Komponisten wie John Cage, Barry Bermange, Frank Corcoran, Heinz von Cramer, Alvin Curran, Bill Fontana, Henri Fourès, Marielouise Franke, Arsa Jovanovic, Mauricio Kagel, Alison Knowles, Charles Morrow, Douglas Quin, Nicola Sani, Thomas Schulz mit den von Wasser erzeugten Tönen auseinandergesetzt haben.


Aber so kreativ wie diese wollen wir uns mit dem Wasserklang gar nicht auseinander setzen; hören wir den Geräuschen fließenden und fallenden Wassers einfach zu.